Forum / Schwangerschaft & Kinderwunsch / Schwangerschaft: Abtreibung, Schwangerschaftsabbruch

Meine kleiner Beitrag

9. März 2008 um 0:01

Im Sommer 2005 habe ich meinen Freund kennengelernt. Zu der Zeit war ich 18 und er 19. Nach ca. 3 Monaten wollte er, dass ich einen Schwangerschaftstest mache, da meine Periode überfällig war und ich wohl ziemlich anstrengend war... Für mich war das alles nicht ungewöhnlich, da ich meine Periode noch nie regelmäßig bekommen habe. Mal blieb sie 2 Monate aus und einmal sogar ein halbes Jahr. Jedenfalls habe ich mir nichts dabei gedacht.
Ich konnte es kaum glauben als ich den Test gemacht habe, ich war tatsächlich schwanger. Mein Freund wartete im Flur. Ich fing total an zu lachen, nicht weil ich mich gefreut habe, einfach weil ich geschockt war. Im 1. Moment musste er wohl gedacht haben, dass der Test negativ war, weil ich so gelacht habe, aber als er den Test gesehen hat.. war die Kake am dampfen. Es hat keine 2 Minuten gedauert da hat er mich zur Schnecke gemacht, ich solle abtreiben, das passe ihm jetzt gar nicht.. bla bla das volle Programm eben. Ich konnte das erst mal alles gar nicht glauben.. mir erschien es wie ein schlechter Witz, irgendwie war das alles nicht real.
Mein Freund war in der Zeit in der ich ihn kennengelernt habe immer ein so fröhlicher Mensch, so witzig und niemals traurig und aufeinmal war er so zerstreut, nachdenklich, wütend und einfach ein anderer. Für mich kam Abtreibung davor nie in Frage.. auch ich habe immer mit erhobenen Finger auf Frauen gezeigt die abtreiben...
Ich war wirklich am Ende. Zu der Zeit bin ich noch in die Schule gegangen, jeden morgen als ich aufgestanden bin und eigentlich den ganzen Tag über war kotz übel ..nur übergeben habe ich mich nie. Natürlich habe ich mich ein paar Freunden anvertraut.. die einen meinten treib ab, andere wiederum -behalte es!
Im ernst ich wollte das nicht entscheiden. Das war die schlimmste Entscheidung die ich je treffen musste. Ich dachte mir ständig, ach würdest du (das Kind) doch einfach noch ein paar Jahre in meinem Bauch hausen.. dann wäre alles gut. Jedes mal, wenn ich alleine war und an Abtreibung dachte, fing ich an zu weinen... streichelte mir über den Bauch und sagte in Gedanken zu dem Kind... hab keine Angst, ich treib dich nicht ab. Oh es war fürchterlich. Meinen Eltern habe ich nichts davon erzählt. Habe kein gutes Verhältnis zu ihnen. Ich habe diesen Pro-Familia Termin total weit nach hinten verschoben. Ich wollte da nicht hingehen, aber irgendwie schon, weil ich dachte... sie stehen auf der Seite des Kindes. Aber dem war ja nicht so. Ganz nüchtern haben sie davon erzählt wo man abtreiben kann, dass es mich sogar nichts kosten würde und die AOK das zahlt. Zu dem was mir an Geld zusteht, wenn ich es behalte. Mein Freund hatte vor dem Gespräch natürlich angst dorthin zu gehen, aber danach fühlte er sich wohl besser. Und ich stand immer noch nicht klüger da. Ich wollte dieses Kind nicht abtreiben, ich wollte einfach nicht mein Kind töten lassen, der Gedanke quält mich immernoch... aber auf der anderen Seite war da auch mein Freund, der mir ja irgendwie näher war als das Kind. Er hat mich in arm genommen, wenn er mich nicht gerade gedrängt hat das Kind abzutreiben, er war liebevoll usw. Das Kind bescherte mir Übelkeit und nur Tränen. Das war wie ein schlechter Film für mich. Das war und ist eine Sache mit der ich nichts zu tun haben wollte. Ich wäre am liebsten weggelaufen, aber das hätte ja nichts gebracht, das Kind wäre dann trotzdem gekommen. Das schien nicht mein Leben zu sein. In meinem Leben stand mein Abitur bevor und nicht die schrecklichste Entscheidung meines Lebens. Weil ich so schrecklich verliebt war und nicht wirklich Zeit hatte mir über die Situation klar zu werden, habe ich mich zur Abtreibung drängen lassen. Was für ein grauenhafter Tag. Die Schmerzen nach der Abtreibung waren nicht sehr schlimm, vor allem hab ich mir ständig gedacht die haste aber so was von verdient!! Meinen Freund habe habe ich dann förmlich an mich gebunden. Ich musste jeden Tag sehen warum ich abgetrieben habe.. damit er "und ich" ein "sorgenfreies" Leben haben. Ich wollte sehen wie er glücklich damit ist, aber mich hat es zerstört. Bitte nicht falsch verstehen, ICH SEHE MICH NICHT ALS OPFER! Mein schlechtes Gewissen hat mich in den wahnsinn getrieben. Ich habe keine Freunde mehr getroffen, nur noch Schule geschwenzt, war nur am weinen und habe überall nur noch Babys gesehen. Bei jedem Baby, das ich sah, dachte ich mir... oh mein Gott so etwas süßes unschuldiges hast du töten lassen. Ich konnte wirklich keine Kinder mehr sehen und ich wollte auch nix mehr von Ihnen hören. Mein Freund war überfordert, weil ich von ihm abverlangte jeden Tag zu mir zu kommen. Ich war sauer, wenn er sich mit Freunden verabredet hatte und nicht zu mir kam. Ich kann das nicht richtig erklären, aber ich hab es einfach nicht mehr mit mir ausgehalten. Irgendwann fing die Beziehung an zu bröckeln und dann wollte ich nicht mehr. Dann kam was kommen musste, ich fing an mich zu schlagen, mir Haare rauszureisen (jedoch nicht wirklich viele), mir in die arme zu ritzen... bis ich dann irgendwann entschloss dem Jammer ein Ende zu machen und mehrere Packungen Tabletten schluckte. Mein einziger Freund zu der Zeit war mir nur noch mein Hund. Ich habe alles andere gehasst. Ich kann mich noch genau erinnern wir ich Tablette für Tablette geschluckt habe und dabei gezittert habe, als ob ich Parkinson hätte. Mein Hund daneben.. schaute mich mit seinen großen unschuldigen Augen an und bibberte, weil ich so schrecklich weinte. Da dachte ich mir, nie wieder Gassi gehen!? nie wieder mit meinem Hund schmusen ... (das war das einzige was ich die lieben langen Tage noch gern gemacht habe.. mich um meinen Hund zu kümmern). Dann bekam ich ein schlechtes Gewissen gegenüber meinem Hund.. dachte mir.. wer schmust denn noch mit dir, oder spielt mit dir, wenn ich nicht mehr da bin!? Gegenüber Menschen hatte ich kein schlechtes Gewissen. Bin eine wahre Menschenhasserin seit dem. Er schaute mich einfach so lieb und traurig an.. so dass ich dann die zum Telefon griff und den Notarzt rief. Als sie kamen sollte ich mir erst einmal den Finger in den Hals stecken um die Tabletten auszukotzen, musste Kohle trinken... war wirklich eckelhalft war. Als ich im Krankenhaus ankam habe ich mich so geschämt. Ich habe so was von gestunken.. nach Schweiß, Pisse und was weiß ich was. Da ich mich während dieser Zeit nicht mehr gepflegt habe. Duschen war ein Fremdwort für mich gewesen. Ich fand das so unangenehm. Habe mich total in der Decke eingewickelt, damit das niemand riechen würde. Außerdem habe ich so geschwitzt, weil ich so nervös war. Die ganze Zeit im Kopf... das hast du alles so was von verdient.. du Kindsmörder. Ich hab mir einfach keine Freuden mehr erlaubt. Sogar so etwas wie duschen, wollte ich mir verbieten, weil ich es als richtig empfand zu leiden. Nach ein paar Tagen kam ich aus dem Krankenhaus... der Verwandschaft habe ich erzählt, dass ich so fertig bin, weil ich Beziehungsprobleme mit meinem Freund habe. Meine Hausärztin empfahl mir eine Psychologin, zu der ich anfangs ganz optimistisch hingegangen bin.. aber als sie mir dann ankam mit einem Baum, den ich mir vorstellen soll.. wie ich ihn anfasse usw wurde mir das doch zu blöd. Nach einer Weile bin ich dann in eine offene Psychatrie gegangen. Dort bekam ich Einzeltherapie stunden und Gruppengespräche. Die Gruppengespräche empfand ich als graus. Die Mitglieder schrien im Chor "aaaaarggghhh" und "ich bin genau so viel wert wie du". Ich musste mir wirklich das lachen verkneifen. Als ich dann laut verkündete, dass ich das lächerlich finde, haben sie angefangen auf mir rumzuhacken. Da war ich wirklich erstaunt über die Dynamik. Ich meine, das waren ganz kleine Würstchen (Entschuldigung) .. aber auf mir rumhacken konnten sie alle. Ich kann doch auch nix dafür, dass ich das alber fand. Wenn ich mir eine Eigenschaft wenigstens bewahrt habe.. dann Ehrlichkeit. Nach ein paar Wochen verlies ich dann die Klinik, weil ich merkte, da kann mir auch nicht geholfen werden. Fest entschlossen bin ich dann aus der Klinik gekommen um mein Abitur zu machen. Das war neben dem Hund, noch eine Sache, die ich haben wollte. Kurze Zeit später hat mein Freund mich dann verlassen. Ich nehme an, er hat so lange gewartet.. bis ich in einem "stabilen" Zustand war.
Das einzige war mir geholfen hat, das ganze zu verarbeiten war der Ethikunterricht in der Schule. Ich hatte meinem Ethiklehrer davon erzählt und da wir in Ethik das Thema Abtreibung hatten, habe ich das etwas verarbeiten können. Interessante Gedankenstöße gaben mir zB. PETER SINGER, mit dem sich jede Frau, die abtreiben will einmal beschäftigen sollte. Er stellt die Autonomie der Frau über einen Embryo. Erklärt, dass ein Schwein theoretisch mehr Lebensrecht als ein Embryo hat, aufgrund von Persönlichkeit. Das Bedarf jetzt etwas Erklärung. Ich hoffe, ich kann es sinngemäß wiedergeben. Also ein Schwein hat ganz offensichtlich Persönlickeit, da es Ängste usw. empfinden kann. Ein Embryo hingegen nicht. Nun, wenn also jemand keine Angst hat zu sterben, keine Lust am leben, kein Schmerzempfinden (bis zur 12. Woche glaube ich), keine wirkliche Wahrnehmung oder Persönlichkeit hat muss man dies also auch nicht berücksichtigen. Eine Frau hingegen, die ungewollt schwanger ist hat Ängste, Sorgen usw. Dem entgegen stehen natürlich viele andere Argumente wie die der Kirche, (Mensch ist Mensch von Geburt an) oder das Potenzial des Kindes... sprich das Kind hat noch kein Schmerzempfinden, keine Persönlickeit, aber es hat das potenzial... und deswegen darf man es nicht töten. Natürlich gibt es noch viele viele viele andere Argumente. Ich stimme mit keinem dieser Argumente ein, aber mir hat es geholfen, mich damit wirklich zu beschäftigen. Mir Argumentationen von Philosophen anzuschauen, die das ganze sachlich und und aufgrund von Thesen, Fakten und Argumenten diskutieren. Jeder hatte dazu eine Meinung, das brachte mich aber nicht weiter. Meinungen sind wie Arschlöcher und jeder hat eins/eine. Dementsprechend rate ich jeder Frau, die über eine Abtreibung nachdenkt, sich wirklich intensiv damit zu beschäftigen.. und sich nicht wie ich von A nach B schubsen zu lassen. Wie man sich entscheidet.. es ist und bleibt aber trotzdem das eigene Kind.

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