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Der Abbruch und was danach kam

12. März 2015 um 20:37

Ich habe lange überlegt, ob ich mich im Internet dazu äußern soll. Da ich aber im Freundes- und Familienkreis keine wirklichen Ansprechpartner habe, möchte ich Euch von der Entscheidung berichten, die alles verändert hat.

Ich hatte meinen Abbruch 2011 und kämpfe mit den psychischen Folgen seit ca. 2 Jahren. Mein seelischer Zustand hat sich jetzt so stark verschlimmert, dass meine Familie mich in eine Klinik einweisen lassen möchte. Mein Partner hat mich bereits 2014 verlassen (wir haben bis jetzt noch zusammen gewohnt). Er ist vor 3 Wochen zu Freunden geflüchtet, weil er sich nicht mehr nach Hause traut. Zu allem Übel habe ich auch noch erfahren, dass er eine neue Freundin hat, was meiner aktuellen Situation auch nicht wirklich hilft.

Ich war schon immer ein eher schwieriger Charakter und hatte seit meiner Kindheit soziale Defizite. Ich habe es trotzdem immer irgendwie geschafft, mich 'relativ glücklich' durchs Leben zu hangeln.

Im Herbst 2010 habe ich meinen Ex-Freund kennengelernt, der mir zuliebe Anfang 2011 aus dem Ausland nach Deutschland einwanderte. Ich wurde auch umgehend (ungeplant) schwanger. Ich erinnere mich an den Augenblick als ich den Test machte, als wäre es gestern gewesen. Im ersten Moment war ich unendlich glücklich, aber schon wenige Minuten später kamen die ersten Ängste und Sorgen. Zu dem Zeitpunkt wußten mein Ex-Freund und ich noch gar nicht, wie wir finanziell über die Runden kommen sollten. Er kam ohne Ersparnisse nach Deutschland und konnte keine Arbeit finden. Aus Scham habe ich meinen Eltern nichts erzählt, sondern nur meiner Schwester und einigen wenigen Arbeitskollegen. Sie alle hatten offene Ohren und aufmunternde Worte wie: "Ach, das packt ihr schon! Der Staat fängt euch schon auf". Aber ich hatte einfach so furchtbare Angst, da unsere Beziehung auch erst wenige Monate hier in Deutschland statt fand und ich mir nie hätte vorstellen können, ein Kind allein groß zu ziehen, wenn es mit der Beziehung schiefgeht. An dem Punkt wo ich anfing über den Abbruch nachzudenken wurden die Leute immer weniger, die einem zuvor zugehört haben. Man hat richtig gespürt, wie überfordert die Leute damit waren - was auch verständlich ist -. Erschreckend im nachhinein ist, dass mir keiner wirklich den Abbruch ausreden wollte. Vielleicht hätte ich einfach nur jemanden aus dem engeren Umfeld gebraucht, der mich an die Hand nimmt und mir Hoffnung macht. Wo war mein Freund?! Immer da! Er hat mir in der ganzen Zeit der Entscheidung die Hand gehalten, meine Tränen getrocknet, die Wut und die Angst auf sich geladen, aber die Entscheidung hat er komplett in meine Hände gelegt.

Von dem Moment der Entscheidung bis zum Eingriff habe ich so viel geweint wie noch nie zuvor in meinem Leben. Es war mit Abstand die schwierigste und folgenschwerste Entscheidung meines Lebens. Rückblickend betrachtet war der Abbruch im Vergleich zu dem was Jahre später kommen sollte, ansich das "harmlosere" - schnell und in dem Moment schmerzlos. Die Schmerzen, die ich dann aber am nächsten Tag im Unterleib bekam, sind mit nichts anderem zu vergleichen! Ich war mit meinem Freund einkaufen und bekam so starke Schmerzen, dass ich mich nicht mehr auf den Beinen halten konnte. Aber diese Schmerzen vergehen mit der Zeit - kein Thema! Und wenn man die überstanden hat, setzt auch eine Erleichterung ein. Man ist erleichtert, dass einem diese Last genommen wurde.

Man glaubt wirklich, dass es danach wieder bergauf geht.



Den schleichenden Prozess, der aber nach dem Abbruch einsetzt, habe ich völlig unterschätzt und ehrlich gesagt, gar nicht "auf'm Plan gehabt". Natürlich wurde man vor dem Abbruch auf alle Folgen hingewiesen, ABER hätte ich zuvor nur eine kleine Ahnung davon gehabt, wie sehr dieser Abbruch mein Leben verändern wird, hätte ich es nie gemacht! Als ich schwanger war hatte ich über alles nachgedacht, sogar über Freigabe zur Adoption. Das habe ich für mich ausgeschlossen, da ich Angst davor hatte, was andere Menschen von mir denken würden! Denn eine offensichtlich zuvor Schwangere, die dann ihr Leben ohne Kind weiterführt, hat es ja weggegeben. Ich muss diesen Satz selbst gerade noch einmal lesen, denn ich kann es immer noch nicht verstehen! Ich habe mich gegen das Leben und die Adoptionsfreigabe entschieden, weil mir die Meinung anderer Menschen wichtiger war! Aber was sie nach dem Abbruch von mir halten würden, hatte ich nicht bedacht. Ich weiß es bis heute nicht, denn dieses Thema existiert einfach nicht. Selbst wenn ich es später mal ansprach, dann wurde meist sehr schnell das Thema gewechselt. Bis auf meinen Ex-Freund natürlich, kennt niemand die Details dieser ganzen Thematik.

Das was ich und andere an mir beobachten sind folgende Veränderungen:

- enorme Aggressionen (leider und ich wünschte es wäre nicht so: mit Gewaltausbrüchen - Wut und Hass sind unkontrollierbar geworden). Ich bin meinem Ex-Freund gegenüber mind. 3x gewalttätig geworden.

- Selbstzerstörung in Form von:
= unkontrolliertes Essen mit starker Gewichtszunahme
= Alkoholmissbrauch (4 bis 5 Tage die Woche Bier, Sekt, Likör und auch stärkere Schnäpse)
= sozialer Rückzug (Kontakte abgebrochen, Großteil der Freunde sind inzwischen nicht mehr da)

- Depressionen: ich weine bei jeder Kleinigkeit - egal ob im Privatleben oder im Berufsleben. Auf Arbeit war das bisher immer sehr unangenehm und für die Kollegen auch teilweise sehr verstörend.

- extreme Vernachlässigung mir gegenüber sowie Vernachlässigung in meinem Haushalt

- Herzrasen und neurologische Probleme = ich erhole mich aktuell noch von einer abheilenden Gesichtslähmung!

- Angstzustände= Unsere Wohnung ist recht groß und ich - höre ständig Schritte und Personen hier in der Wohnung und bilde mir immer ein, dass gerade jemand einbrechen will. Seitdem mein Ex-Freund ausgezogen ist, sind die Angstzustände ganz schlimm! Ich schließe häufig mein Schlafzimmer über Nacht noch zusätzlich ab, weil ich befürchte, dass sonst Einbrecher reinkommen

- Schlafstörungen= ich werde oft nachts mehrmals wach und kann höchstens noch 5-6 Stunden schlafen. An manchen Tagen kann ich nur einschlafen, wenn ich Alkohol getrunken habe.

Wie anfangs berichtet, war ich auch zuvor kein wirklich einfacher Mensch ABER ich bin mir sicher, ich hätte wenigstens meine Beziehung mit entsprechend professioneller Hilfe retten können. Jetzt habe ich die Liebe meines Lebens verloren und ganz nebenbei erwähnt, ihn inzwischen auch in die Psychotherapie getrieben. Die Schuld die auf meinen Schultern lastet, 1 Leben genommen - das Leben meines Ex zur Hölle gemacht und meins -naja- auch ruiniert zu haben, ist so schwer, dass ich es mit Worten nicht beschreiben kann.

Es ist klar, dass jeder die Entscheidung für sich selbst treffen muss, ABER man MUSS sich mehrmals fragen, ob nicht doch eine Freigabe zur Adoption die bessere Lösung ist. Wenn man sich als Betroffene mit dem Thema intensiver beschäftigt, wird man mit Erschrecken feststellen, dass verdammt viele Frauen an den psychischen Folgen einer Abtreibung ganz ganz schrecklich leiden und sich meist nie wieder davon erholen!

Ich wünschte ich könnte die Uhr zurückdrehen und mein Leben und das Leben meines ungeborenenen Kindes retten.

Fazit: Weil ich Angst vor dem Gerede meiner Mitmenschen hatte, habe ich einen folgenschweren Fehler - nein! den schlimmsten Fehler überhaupt gemacht. Dieser Fehler hat zur Folge, dass ich mittlerweile dem Suizid so nah bin, wie noch nie zuvor.

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12. März 2015 um 22:06

Hallo du liebe
es ist gut dass du dir deinen frust und schmerz hier mal von der seele geschrieben hast.
ich glaube es wäre wirklich wichtig und gut für dich wenn du dir hilfe suchst.
es muss und soll dir nicht dein restliches leben dreckig gehen.
irgendwann hoffe ich wird es dir wieder besser oder vielleicht sogar gut gehen.
die abtreibung wird immer ein teil von deinem leben sein, aber es muss nicht bestimmend bleiben.
deine unendliche trauer und wut kann ich verstehen.
es ist ein verlust mit dem einige nicht fertig werden.
versuch dir selbst zu vergeben und ertränke deinen schmerz nicht im alkohol (leicht gesagt).
ich wünsche dir wirklich dass du die hilfe bekommst die du brauchst.
lg

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13. März 2015 um 5:36

Mach was Gutes draus
Was geschehen ist, kannst Du nicht mehr rückgängig machen, aber Du kannst etwas Positives daraus machen. Sei eine Botschafterin für andere ungeborene Babies, dessen Mütter in einer ähnlichen Situation stecken wie Du. Sei Du die Person, die Du damals vermisst hast, jemand, der diese Hand nimmt und Hoffnung macht. Damit kannst Du bestimmt das eine oder andere Leben retten. Ich hoffe, Du kannst bald wieder positiv in die Zukunft schauen.

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13. März 2015 um 12:47

Ich kann mir nicht vorstellen,
das es dir mit Kind besser gehen würde. Du würdest dann nur zusätzlich noch einem weitern Menschen, der zu allem übel noch nicht mal einfach gehen könnte wie dein Freund, das Leben schwer machen. Du hast ja selbst geschrieben, daß du schon vor der Schwangerschaft schwierig warst und dich so "durchgehangelt" hast. Meinst du mit einem Kind wäre das "hangeln" besser gegangen?

Such einen guten Neurologen auf und scheue auch nicht davor in stationäre Behandlung zu gehen. Du bist schlicht krank. Nach deinen Beschreibungen würde dich wohl jeder an der Psychologie interessierte Laie als Borderliner bezeichnen.

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29. März 2015 um 5:46
In Antwort auf esmi_12120735

Mach was Gutes draus
Was geschehen ist, kannst Du nicht mehr rückgängig machen, aber Du kannst etwas Positives daraus machen. Sei eine Botschafterin für andere ungeborene Babies, dessen Mütter in einer ähnlichen Situation stecken wie Du. Sei Du die Person, die Du damals vermisst hast, jemand, der diese Hand nimmt und Hoffnung macht. Damit kannst Du bestimmt das eine oder andere Leben retten. Ich hoffe, Du kannst bald wieder positiv in die Zukunft schauen.

Respekt
redpoll

Ich empfinde Respekt für deine Intelligenten Texte und deine Menschlichkeit. Es muss Mühe kosten hier stets zu versuchen "die Person zu sein die etwas ändert und die Person zu sein die Hände nimmt und Hoffnung macht"

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29. März 2015 um 16:19

Danke
... für diesen ausführlichen Bericht über deine Abtreibung und die Folgen davon. So offen, so aufdeckend habe ich das noch nie von jemandem gelesen. Und es beeindruckt mich, ich habe Respekt vor deinem Mut, die Dinge so beim Namen zu nennen ohne etwas zu beschönigen.

Was du beschreibst habe ich auch schon bei einer Frau kennengelernt. Ich war eine zeitlang mit einer Familie befreundet, und es war eigentlich alles mehr oder weniger "normal" nach außen hin. Die Frau, Mutter von zwei Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen, war zwar ein wenig schwierig, aber dennoch kamen wir normal miteinander aus. Bis eines Tages zufällig das Thema Abtreibung zum Thema wurde, weil wir in der Schule einen Aufsatz darüber geschrieben hatten. Da rastete die Frau völlig aus, sie wurde agressiv gegen mich und tobte und weinte herum, ohne dass mir klar war, was ich ihr angetan haben könnte, das einen solchen Ausbruch erklären könnte. Ich war völlig verstört davon und brach aus Angst, Scham und Wut den Kontakt zu ihr ab. Ihre Familienangehörigen standen ratlos herum. Ich erfuhr dann, dass sie rund 15 Jahre vorher aus wirtschaftlichen Gründen abgetrieben hatte, weil sie gemeint hatten, sie könnten ein drittes Kind sich finanziell nicht mehr leisten. Die Folgen war so verheerend, die Frau war auch nach 15 Jahren noch psychisch krank, labil, fix und fertig. Ich weiß nicht wie es mit ihr weiter ging, weil ich zu der Zeit mit ihr überfordert gewesen wäre - heute könnte ich damit umgehen.

Ich bitte dich, wirf dein Leben jetzt nicht weg. Es gibt einen Weg aus dem Elend. Und es würde dein Kind nicht wieder lebendig machen, wenn du dich auch noch selbst umbringst. Du kannst aus all dem irgendwann noch etwas Gutes machen, wenn du jetzt nicht aufgibst.
Heilung deiner vielen Nöte ist möglich - der Schlüssel ist Vergebung.

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